Das neuartige Corona-Virus und die dadurch hervorgerufene Lungenkrankheit Covid-19 sind zweifelsfrei gefährlich. Die Sterblichkeitsrate liegt um ein Vielfaches höher als bei einer Grippe und nach wie vor existiert kein Impfstoff. Es war daher richtig, schnell und konsequent gegen die rasante Ausbreitung des Virus vorzugehen. Doch die Abflachung der Kurve hatte bzw. hat einen sehr hohen Preis. Grundrechte wurden massiv eingeschränkt, unsere Wirtschaft wurde extrem belastet und die Kulturszene steht fast am Abgrund. Natürlich wurden die Maßnahmen ergriffen, um Menschenleben zu retten und eine Gefahr für Leib und Leben abzuwenden, aber allmählich entwickeln sich die Schutzmaßnahmen selbst zu einer Gefahr.

Unternehmer, die sich um ihre Mitarbeiter oder die Zukunft ihres Betriebes sorgen, stehen unter einem enormen psychischen Druck. Gleiches gilt für viele Familien mit Kindern. Vor allem Alleinerziehende werden durch die Schließung von Kitas und Schulen an ihre Belastungsgrenzen geführt. Stress ist ein Gesundheitsrisiko, das man nicht unterschätzen sollte. Generell wird aktuell zu wenig über die seelischen Belastungen gesprochen, welche durch die Kontaktbeschränkungen zu Familienangehörigen, Freunden oder Bekannte hervorgerufen werden. Beunruhigend sind zudem Berichte über einen deutlichen Rückgang von Herzinfarkt-Meldungen. Ärzte vermuten, dass sich viele Betroffene nicht in die Notaufnahmen trauen, weil sie Angst vor einer Infektion haben.

Diese Sorge ist sicher nicht unberechtigt, denn das Virus kann die Lebenserwartung senken. Allerdings haben körperlicher und seelischer Stress den gleichen Effekt. Ich plädiere daher dafür, dass gesellschaftliche Leben schnellstmöglich wieder hochzufahren.

In diesem Zusammenhang teile ich die Meinung einiger Kritiker nicht, die erklären, dass wir uns in derselben Situation wie noch im März befinden. Wir wissen inzwischen, dass wir die Infektionsgeschwindigkeit stark bremsen können, wenn es darauf ankommt. Wir haben mehr Schutzausrüstungen, wir testen intensiv, wir befolgen Abstandsregeln und nahezu alle Unternehmen sowie öffentliche Einrichtungen haben Hygieneregeln eingeführt. Parallel dazu haben wir die Zahl der Intensivbetten in unseren Krankenhäusern erhöht. Kurzum: Wir sind jetzt in der Lage auf einen erneuten Anstieg von Infektionen schnell zu reagieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir das Virus bereits besiegt haben. Ganz im Gegenteil, wir werden noch eine längere Zeit mit Einschränkungen leben müssen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir uns an Schutzmaßnahmen gewöhnen müssen, sondern an welche. Statt Kontaktsperren und Schließungen könnten wir auch konsequent auf bessere Testverfahren, einheitliche und strenge Hygieneregeln sowie Abstandsgebote setzen. Ziel sollte es sein, eine ausgewogene Balance aus Sicherheit und Normalität herzustellen. Das zu erreichen ist Aufgabe der Politik und in meinem Verständnis sollten dabei immer unterschiedliche Standpunkte berücksichtigt werden. Der weitere Umgang mit dem Corona-Virus darf deshalb nicht allein von Virologen bestimmt werden. Demokratie lebt von Abwägungsprozessen und Kompromissen. Dieser elementare Grundsatz gilt auch in Krisenzeiten.